Überlegungen zur Gestaltung der Gesamtschule der Zukunft

Die Diskussion um die Schulstruktur der Zukunft ist nach den neuesten schlechten OECD-Ergebnissen für Deutschland wieder in Gang gekommen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diese politischen Diskussionen meist zu nichts führen. Das sollte uns nicht davon abhalten, Überlegungen zur Veränderung der einzelnen Schulformen anzustellen. Hier ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesamtschule, der hoffentlich eine intensive Diskussion auslösen wird.


Überlegungen zur Gestaltung der Gesamtschule der Zukunft


Die neuen Regelungen, Schulzeitverkürzung, Abitur nach zwölf Jahren, Verlagerung der Stunden und Inhalte in die Jahrgangsstufe 10 ebenso wie die Änderungen in der Grundschule (Englisch ab Klasse 3) fordern auch unter der Einbeziehung der PISA Erkenntnisse eine grundsätzliche Neugestaltung der Gesamtschule.

  1. Die Verlagerung der Inhalte und gewisser Anteile der Stundentafel in die Sekundarstufe I zur Verkürzung der Schulzeit (Abitur nach zwölf Jahren) erfordert zwingend für alle Gesamtschulen eine Profilbildung (Klassenneubildung) in den Jahrgangsstufen 9 und 10,  wie sie seit Jahren in einigen Schulen bereits erprobt wird. Es wird nicht möglich sein weiterhin in heterogenen Gruppen mit unterschiedlichen Zielen für Schulabschlüsse zu unterrichten, wenn  die letzten Jahre der Sekundarstufe I auf das Abitur bezogen die Funktion der Vorbereitung auf die zweijährige Oberstufe haben. Es ist nicht machbar oder würde einen nicht zu rechtfertigenden Differenzierungsaufwand erfordern,  gleichzeitig auf eine verkürzte Sekundarstufe II vorzubereiten und auf alle anderen Abschlüsse.
  2. Gleichzeitig ergibt sich aus den Ergebnissen der PISA-Untersuchungen und den Resultaten der erfolgreichen PISA-Länder, die Notwendigkeit Konsequenzen für die Struktur des Lernens in der Sekundarstufe I zu ziehen. Festzustellen ist, dass in vielen Ländern ein wesentliches  Erfolgskriterium der gemeinsame Unterricht ist. Diese Phase der Heterogenität endet in fast allen Ländern nach der Klasse 8. Dass gemeinsamer Unterricht nur ein Kriterium ist, versteht sich; ich komme später darauf zurück. Es ist aber ein essentielles Kriterium und muss deshalb in der Organisationsstruktur der deutschen Gesamtschule seinen Niederschlag finden. Daraus ergibt sich, dass die Gesamtschule der Zukunft in der Klasse fünf bis acht ohne die bisherigen Differenzierungsvorschriften, die ja auch von der Kultusminister Konferenz in Frage gestellt werden, organisiert werden muss. Man kann auch nicht immer wieder die Strukturreform i.e. die Abschaffung des gegliederten Schulsystems fordern, wenn man dieses immer wieder innerhalb der Gesamtschule durch Differenzierungsmaßnahmen abbildet.
  3. Allerdings muss der Begriff der Heterogenität anders verstanden werden als bisher. Auch hier zeigt das Beispiel der erfolgreichen PISA Länder, dass heterogene Lerngruppen durch individuell zugeschnittene und unterschiedliche Fördermaßnahmen ergänzt und unterstützt werden müssen, die parallel zum Unterricht der heterogenen Klassen begleitend eingerichtet werden (Förderung zur Behebung besonderer Defiziten ebenso wie bilingualer Unterricht u.a..) Die bisherigen Stunden für Fördererunterricht sowie der Gewinn der Differenzierungsstunden müssen für diese Förderergruppen eingesetzt werden. Ein Beispiel: Die Schaffung zusätzlicher Lernanforderungen für einzelne besonders begabte Schüler in speziellen Bereichen. Ein anderes  Beispiel: aus jeder Klasse werden Wenige für eine Fördergruppe zum Ausgleich von Defiziten in einzelnen Fächern eingeteilt und parallel zum Klassenunterricht nach einem speziellen Förderprogramm unterrichtet. Notwendig hierzu ist die Erstellung eines solchen Förderprogramms, welches sich gründet auf die Ermittlung und Isolierung der Hauptproblemfelder. Dieses Förderprogramm muss so angelegt sein, dass jeder Lehrer, jede Lehrerin hiermit unterrichten kann. Individuell ist diese Förderung, weil der Einstieg und der Ausstieg aus dem speziellen Förderprogramm sich nach der Notwendigkeit und den individuellen Lernfortschritten der einzelnen Schülerinnen und Schüler richtet. Ebenso sind spezielle Kurse für Seiteneinsteiger ohne deutsche Sprachkenntnisse oder mit nur sehr gering entwickelten deutschen Sprachkenntnissen anzubieten, da es nicht sinnvoll ist diese Schülerinnen und Schüler in allen Fächern in der Regelklasse zu unterrichten.

  4. Die Veränderungen der Grundschule (Englisch ab Klasse 3) verlangen - allein schon um gegenüber den anderen Schulen konkurrenzfähig zu bleiben - eine Vorverlegung der WP I Differenzierung auf die Klasse 6. Aber nicht aus Konkurrenzgründen sondern auch aus allgemeinen lernpsychologischen Gründen ist zum Beispiel das Erlernen von Fremdsprachen so früh wie möglich wichtig. Auch hierdurch wird das Lernen in heterogenen Gruppen ergänzt durch WP I-Kurse, die die individuellen Begabungen fördern und stärken.
  5. Eine mehr und mehr veränderte Schülerschaft als Ergebnis der veränderten Sozialisation in den Familien erfordert neben der Wissensvermittlung einen dem entsprechend ausgerichteten erzieherischen Einfluss der  Lehrerinnen und Lehrer. Die  zunehmende Auflösung der Klassenverbände ab der Klasse 7 verringert diese Möglichkeit zur erzieherischen Einflussnahme deutlich. Schulleben und „erziehender Unterricht“ richten sich auf Arbeitsverhalten, -techniken und geeignete Rituale für das Leben in der Gemeinschaft. Es ist deshalb auch aus diesem Grunde wichtig in stabilen Klassenverbänden zu unterrichten. Hierdurch werden auch konzentrierter Lehrereinsatz, Projektunterricht und unterschiedliche Formen selbstständigen Lernens (Freiarbeit u.a.) vereinfacht.

  6. Durch diese Maßnahmen wird es auch einfacher sein nach Kernlehrplänen und Standards zu unterrichten und auf die zentralen Prüfungen vorzubereiten. Auch dies ist ein signifikantes Ergebnis dieser Untersuchungen, dass der Erfolg wesentlich dadurch bestimmt wird, dass alle Lehrer wissen, was in den einzelnen Jahrgängen unterrichtet werden muss als Bestandteil späterer zentraler Prüfungen. Die in den letzten Jahren in Deutschland stark in den Mittelpunkt gestellte  Bedeutung der Methodik ist - so zeigen es die PISA Ergebnisse deutlich - von nur geringer Wichtigkeit unter den Faktoren, die die Effizienz von Unterricht ausmachen. Dies soll allerdings nicht heißen,  dass variable, interessante Methoden nicht jeden Unterricht bereichern und wünschenswert sind.

Dr. B. Mielke - Mai 2004

Publiziert am: Sonntag, 18. September 2005 (2696 mal gelesen)
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