Abiturrede 2004 (Schulleiter)

Abiturrede 2004

Liebe Abiturienten und Abiturienten,

was kann man in unserer heutigen Zeit zu euch sagen, wenn man aufgefordert worden ist zum Abschluss eurer schulischen Laufbahn eine Abiturrede zu halten.

Ich kann als Euer Schulleiter, der heute zum letzten Mal in dieser Funktion vor euch steht eine hochliterarische Rede halten und ihr werdet vielleicht mit dem Gefühl hinausgehen, etwas Schönes gehört zu haben - aber hat es euch etwas gebracht?

Ich glaube nicht.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens und ein Blick in eure Zukunft muss sich nach meiner Überzeugung an dem hier und jetzt, an der aktuellen Situation orientieren, die ihr vorfindet - an der Schwelle zwischen Schule und Arbeitsleben zwischen Schule und Universität, zwischen Elternhaus und Selbstständigkeit, zwischen Kindheit und selbstverantwortlichem Erwachsenendasein.

Beim Lesen der Zeitungen, bei Fernsehsendungen, Aussagen und Diskussionen der Politiker und anderer gesellschaftlich, verantwortlicher Persönlichkeiten, aber auch bei euren Gesprächen untereinander herrscht ein Tenor vor: alles ist schwierig, negativ, aussichtslos, chancenlos erscheint eure Zukunft in einer Welt mit hoher Arbeitslosigkeit, Studienbeschränkungen, Ausbildungsplatzmangel und vielem Negativen mehr.

So auch Passagen in Eurer Abizeitung: So schreibt z.B. Deborah Kutzborski über Chancenlosigkeit, die Konfrontation mit einem kafkaesken System der Verwaltung des Arbeitsstellenmangels und spricht damit wohl vielen Ihrer Altersgenossen aus dem Herzen.

Es scheint nur wenige Sieger zu geben, die kleine Gruppe derjenigen, die das große Geld unter sich verteilen und denen es egal ist, was aus den anderen wird.

Oder wie es unser Bundespräsident Johannes Rau in seiner letzten Rede ausdrückte: „Wir müssen z.B. erleben, dass einige, die in wirtschaftlicher oder öffentlicher Verantwortung stehen, ungeniert in die eigene Tasche wirtschaften. Das Gefühl für das was richtig und angemessen ist, scheint verlorengegangen zu sein.

Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität in Teilen der sogenannten Eliten schwächen auch das Vertrauen in die Institutionen selber, wenn deren Repräsentanten offenbar alle Maßstäbe verloren haben"

Wie soll man da der Aufforderung Raus folgen können, Verantwortung zu übernehmen um unser Land und uns aus einer schwierigen Lage herauszubringen und neue Zuversicht und neue Dynamik zu gewinnen?

Kann man da nicht eher wütend werden oder sich als Opfer der Globalisierung beklagen und diesen Zustand, sich schwarz ärgern, jammern oder es als Rechtfertigung und Ausrede für eigenes Nichts tun, für eigenes nicht handeln nehmen, von vornherein sich zurückzunehmen, zu resignieren oder auch nur die eigene Faulheit überdecken.

Das Thema, die Fragestellung und die Situation sind jedoch nicht neu. Situationen wie heute hat es auch früher schon gegeben und sie wurden philosophisch, literarisch künstlerisch behandelt. Auch als Witzform oder aus der praktischen Erfahrung heraus in einfachen Bildern ist dieses Thema, ist dieser Zustand bekannt. Ich darf nur an das Bild des halb vollen oder des halb leeren Glases erinnern ob man positiv oder negativ denkt. Manchmal findet man Antworten nicht in der Gegenwart sondern bei der Lektüre von Menschen, die ähnliche Situationen erlebten und positiv durchstanden haben.

Heinrich Lhotzki z.B. veröffentlichte im Jahre 1913 - in der Tat keine einfache Zeit - ein Buch mit dem Titel: "Dass ich mich nicht ärgere" mit dem Motto: Ärger ist Selbstverstümmelung.

Sein Vorwort zu diesem Buch trägt den Titel „Und überhaupt...“ aus dem ich nun zitiere:

"Das Ärgerbuch ist ein schlimmes Buch.

Es ist auch kein Wunder.

Es richtet sich nicht an den freundlichen, sondern an den unfreundlichen Leser.

Und wenn dieser am unfreundlichsten gestimmt ist, dann fragt er:

Und überhaupt.......

Es gibt kleine Widrigkeiten im Leben, auch viele große, die sich gelegentlich zusammenballen und unserer mächtig werden wollen als gewaltige Ärgerriesen.

Die zwingen uns in ein Ärgergefängnis, worin wir oft sehr fest verschlossen sind.

Es hat seine Ausgangstür, die ohne weiteres für uns offen stünde, aber dafür viele Fenster, aus denen wir unsere Umwelt betrachten können. Die Fensterscheiben sind aber so teuflisch eingerichtet, dass alles, was wir sehen, getrübt, verzerrt und schauerlich aussieht.

Das will unser Kerkermeister so.

Denn dann wenden wir uns entmutigt ab und fragen: Und überhaupt..........

Wir sehen in ein Jammertal, eine Ärgerkluft, ein sonnenloses Dasein, das wie ein Hades aussieht und uns zugrinst:

Und überhaupt alles, alles ist ärgerlich und lohnt nicht den Kraftaufwand des Lebens.

Dieser Ärger ist der Generalärger aller Verärgerten.

Er ist wie der Generalnenner der Bruchrechnung, der alle Posten verbindet, und dem kleinsten und dem größten ein Ärgerschildchen angehängt hat, dass wir seufzend und stampfend und entmutigt rufen:

Und überhaupt.....

Diesen unfreundlichen Lesern soll unser Büchlein freundliches sagen und will sich dem Generalärger und seinen Untergebenen mutig entgegenstellen.

Es wird wenig Menschen geben, die seiner nicht bedürfen."

Man könnte dies, was Mutlosigkeit, Ärger und Perspektivlosigkeit angeht problemlos auf heute anlegen auch wenn das zur Stimmung des heutigen Tages nicht passt wird es morgen schon bei der ersten Absage einer Bewerbung wieder Realität sein.

Da stellen sich dann Ärger und Zorn als Kerkermeister dar, die jede Änderung der Verhältnisse abseits unserer Möglichkeiten hält

Kann das die Ausgangslage für Beruf und Karriere sein?Kann dies die Ausgangslage für die gesellschaftliche Gestaltung der Zukunft sein, die in euren Händen liegen wird?

Kann dies das Ergebnis all dessen sein, was ihr vom Kindergarten bis zum Abitur oder der Fachhochschulreife euch an Wissen, Kenntnissen und Fertigkeiten angeeignet habt? Ich glaube nicht!

Einen anderen Weg skizziert R. M. Rilke in einer Initiale zu seinem Buch der Lieder:

"Aus unendlichen Sehnsüchten steigen endliche Taten

wie schwache Fontänen, die sich zitternd und zeitig neigen.

Doch, die sich uns sonst verschweigen,

unsere fröhlichen Kräfte,

sie zeigen sich in diesen tanzenden Tränen."

Fühlen Sie die Trauer dieser Zeilen über die begrenzten Möglichkeiten des Menschen?

Rilke betrauert und feiert die Begrenztheit, Endlichkeit des menschlichen Handelns und gibt ihm seine Würde dadurch zurück, dass es aus einem unendlichen Meer an Sehnsüchten zu schöpfen vermag.

Im Extrem führt das zu einer narzisstischen Regression, die die eigenen Sehnsüchte, Bedürfnisse als geradezu unantastbar, die kümmerliche Wirkung des eigenen Tuns als schicksalsgegeben akzeptiert.

Gelegentlich tritt uns diese Haltung auch in der Schule gegenüber, wenn Schüler, Lehrer und Eltern immer wieder betrauern, dass sie ja eigentlich etwas erreichen möchten, dass sie aber angesichts der paralysierenden Umstände leider genau das nicht könnten: der gute Wille, jedoch, die Vision rücke sie abseits jeden Verdachts, einfach nur untüchtig zu sein.

Bevor ich in den Verdacht gerate, trivialen Grausamkeiten wie "Wo ein Wille ist, ist ein Weg! " das Wort zu reden und damit die Verantwortung für alle Missstände an deren Betroffene weiterzuschieben: Mit derlei Kraftmeierei habe ich nichts zu tun. Das Wollen-Können ist die Gnade, um es mit E. Roth zu sagen; und genau da sehe ich die Gefahr des Zeitgeistes einer allgemeinen Verzagtheit.

Wohin die Entwicklung im 21. Jahrhundert führt, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich habe auch von meinen Töchtern erfahren, dass Sie die Beratung durch „mutmachende“ Erinnerung an Widerstandskämpfer des Faschismus, an die Initiatoren der gesellschaftlich Umbrüche von 1968 usw. einfach nicht mehr hören können.

Vielleicht ist dies eine der bedauerlichsten Schwierigkeiten im Gespräch zwischen Ihrer und meiner Generation, sind die genannten Themen doch von gelebter Relevanz für uns, jedoch lediglich historisch-sentimentalisch für Sie. Ein grundsätzliches Vertrauen jedoch will ich hier noch einmal aussprechen:

Wirklichkeit ist veränderbar!

Erich Fromm sagt etwa in seinem Buch „Haben oder Sein“:

"Wenn die Menschen jemals freiwerden, das heißt dem Zwang entrinnen sollen, die Industrie durch pathologisch übersteigerten Konsum auf Touren zu halten, dann ist eine radikale Änderung des Wirtschaftssystem vonnöten; dann müssen wir der gegenwärtigen Situation ein Ende machen, in der eine gesunde Wirtschaft nur um den Preis kranker Menschen möglich ist. Unsere Aufgabe ist es, eine gesunde Wirtschaft für gesunde Menschen zu schaffen.“

Das hört sich nach einem gewaltigen Projekt an, ist auch eines. Wie können Sie denn an solche gigantische Ziele glauben?

Sehen wir die Rilke-Initiale noch einmal an, dann finden wir, dass Rilke eine Kraftquelle nennt: das sind Sie selbst!

In Ihren Persönlichkeiten, in ihren wahren Wünschen liegt der Wille zur Veränderung. Lassen Sie sich aber genau diese Kraftquelle verbiegen, versiegeln durch Resignation oder dadurch, dass Sie sich artifiziellen Lösungskonstrukten und Ideologien verschreiben, so werden Sie ein wirkungsloser Spielball in einer Zeit, die Sie bestimmt, statt dass Sie sie mitgestalten.

Milo Dor beschreibt den letztgenannten Irrweg in einem Brief an seinen Sohn:

"Aber das soll Dich nicht verdrießen.

Versuch, Deinen Mitmenschen, so liebenswürdig sie auch immer erscheinen, was immer sie auch zu tun vorgeben und was für ein Zeug sie dabei auch immer als Lebensweisheiten verzapfen, Widerstand zu leisten.

Wer nachgibt und sich mit den Gegebenheiten abfindet, geht unter.

Glaube vor allem keinen Propheten, die Dir das ewige Leben versprechen; sie lügen alle.

Und außerdem sind sie lauter Nachahmer.

Sei deshalb vorsichtig, allen sogenannten Weltanschauungen und deren Vertretern gegenüber.

In diesem Leben – und ich hege starke Zweifel, dass es ein zweites gibt – zählt nur das, was einer tut, und nicht das, was einer redet.

Hier und heute soll man beweisen, ob man es mit den vielen schönen Worten ernst meint, oder nicht."

Übrigens gilt meine Warnung, Widerstand denjenigen zu leisten, die Ihnen eine Lebensweg ins Glück verheißen, auch für Schulleiter. Ich bin überzeugt, dass Sie alle zu Ihrem Glück und zur Entwicklung der Gesellschaft in ganz einzigartiger Weise beizutragen vermögen, wenn Sie dies nur wollen ich vertraue Ihnen, und ich bitte Sie herzlich, sich nicht zu verweigern. Vielleicht öffnet das die Tür zu einer lebenswerten Zukunft .

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht", schrieb Heine in seinem Wintermärchen.

Es liegt an uns, sorgenvolle Schlaflosigkeit in die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft zu verwandeln.

Dr. B. Mielke

Publiziert am: Donnerstag, 24. Juni 2004 (5254 mal gelesen)
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